{"id":1307,"date":"2019-03-02T23:43:09","date_gmt":"2019-03-02T21:43:09","guid":{"rendered":"https:\/\/saschaberger.com\/?p=1307"},"modified":"2019-11-15T23:43:29","modified_gmt":"2019-11-15T21:43:29","slug":"der-initiale-copyright-streit-im-6-jahrhundert-und-der-heutige-streit-um-die-reform-des-urheberrechts-artikel-13-und-uploadfilter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/saschaberger.com\/en\/2019\/03\/02\/der-initiale-copyright-streit-im-6-jahrhundert-und-der-heutige-streit-um-die-reform-des-urheberrechts-artikel-13-und-uploadfilter\/","title":{"rendered":"Was der initiale Copyright Streit im 6. Jahrhundert mit dem heutigen Streit um die Reform des Urheberrechts, Artikel 13 und Uploadfilter zu tun hat!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Copyright bzw. Urheberrechtsstreit w\u00fctet tats\u00e4chlich seit dem 6. Jahrhundert. Damals endete er im sog. &#8220;B\u00fccherkrieg&#8221; und heute im Streit um #Artikel13 und der Einf\u00fchrung von #Uploadfilter im Rahmen eines Vorschlags zur <a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/?uri=CELEX:52016PC0593\">Reform des Urheberrechts im digitalen Binnenmarkt<\/a>. Das Fatale ist, dass bis heute daraus nichts gelernt wurde und immer noch nicht verstanden ist, was an B\u00fcchern und (digitalen) Informationen so grundlegend anders ist als an physischen Gegenst\u00e4nden sowie physischen Werken und warum es an der Zeit ist neue Regeln f\u00fcr das Informationszeitalter aufzustellen. Stattdessen spielen wir weiter nach alten Regeln in einer neuen Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die folgende Geschichte um den &#8220;B\u00fccherkrieg&#8221; wegen eines Urheberrechts bzw. Copyright Streits um die Abschrift eines historisch bedeutsamen Buches, bekannt als &#8220;Die Bibel&#8221;, ist eine Symbol f\u00fcr und Spiegelung der aktuellen Ereignisse. Diese alte Geschichte kann dabei helfen zu verstehen, warum die aktuellen Entscheidungen zur Urheberrechtsreform und Artikel 13 falsch sind. Die Geschichte um die es geht ist auch eine Geschichte \u00fcber den irischen M\u00f6nch und Missionar <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Columban_von_Iona\">Columban von Iona<\/a>, auch Colmcille genannt. Die Geschichte ist dem Kapitel 13 <em>&#8220;Zu guter Letzt: Der initiale Copyright-Streit&#8221;<\/em> aus dem Buch <em>&#8220;The Open Revolution&#8221;<\/em> von Rufus Pollock bzw. der deutschen \u00dcbersetzung von <a href=\"https:\/\/saschaberger.com\/about\/\">Sascha Berger<\/a>, mit dem Titel <em>&#8220;Die Open Revolution&#8221;,<\/em> entnommen: <a href=\"https:\/\/saschaberger.com\/2018\/12\/20\/die-open-revolution\/\">https:\/\/saschaberger.com\/2018\/12\/20\/die-open-revolution\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun also endlich zur\nGeschichte:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor f\u00fcnfzehnhundert\nJahren, im Irland des 6. Jahrhunderts, f\u00fchrte ein Streit \u00fcber das\nVervielf\u00e4ltigen eines Buches zu einer erbitterten Schlacht. Im Mittelpunkt\nstand ein Priester namens Colmcille, der auch bekannt ist als der heilige\nColumban (von Iona). Nach der Ordination im Alter von 25 Jahren begann er durch\nIrland zu reisen und gr\u00fcndete in 15 Jahren drei Dutzend Kl\u00f6ster. Da es an\nB\u00fcchern mangelte, was die Religionswissenschaft einschr\u00e4nkte, vervielf\u00e4ltigte\ner Manuskripte, wann immer er konnte, und ermutigte seine M\u00f6nche, dasselbe zu\ntun, um die Lehren der Kirche zu verbreiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Vulgata war die f\u00fcr Jahrhunderte ma\u00dfgebliche lateinische Bibel\u00fcbersetzung des Kirchenvaters Hieronymus, der von 347 bis 420 n. Chr. lebte. Die erste Kopie einer solchen Bibel\u00fcbersetzung, die Irland erreichte, wurde von Rom aus von Finnian von Molville (in der Rolle des EU Abgeordneter der CDU: Axel Voss) mitgebracht. Obwohl er sein Buch so besch\u00fctzte, dass anderen kein Zugang dazu gew\u00e4hrt wurde, war Finnian einer der Lehrer von Colmcille (in der Rolle von Julia Reda, HerrNewsTime und vielen anderen) gewesen, und er machte daher eine Ausnahme f\u00fcr seinen Sch\u00fcler, so dass dieser die \u00dcbersetzung lesen durfte, sofern er sie nicht kopieren w\u00fcrde. Colmcille stimmte zu, ignorierte dennoch das Verbot und f\u00fchlte zweifellos, dass dieses Wissen zu wertvoll war, um weggeschlossen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er fuhr fort, das\nBuch nachts so schnell wie m\u00f6glich abzuschreiben. Als Finnian dies eines Nachts\nentdeckte, verlangte er, dass Colmcille die Abschrift herausgibt. Dieser lehnte\njedoch ab und glaubte, dass der heilige Text niemandem geh\u00f6ren k\u00f6nne und dass\nseine erste Pflicht Gott und der Kirche und nicht Finnian gegen\u00fcber bestand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Diarmaid, der\nK\u00f6nig von Irland, (heute Angela Merkel in seiner Rolle) gebeten wurde, dar\u00fcber\nzu urteilen, argumentierte Colmcille, indem er sagte, dass es die Pflicht der\nKirche sei, ihr Wissen durch Abschriften zu verbreiten. Er hatte damit Finnians\nBuch nicht geschm\u00e4lert, und auf jeden Fall war es auch nur eine Abschrift und\nnicht das Originalmanuskript des heiligen Hieronymus. B\u00fccher unterschieden sich\nin ihrer Art von materiellen G\u00fctern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">K\u00f6nig Diarmaid\nentschied sich jedoch gegen Colmcille zu urteilen: Weise M\u00e4nner (Berater von\nMcKinsey, Robert Berger, Accenture oder so) hatten die Abschrift eines Buches\nimmer als eine Art Kind des Orginalbuches bezeichnet, sagte er, was bedeutete,\ndass dem Besitzer (Urheber) des Orginalbuches&nbsp;\nauch die Abschriften geh\u00f6ren w\u00fcrden. \u201eDas Kalb geh\u00f6rt zur Kuh, die Kopie\nzum Buch.\u201c Die Abschrift w\u00fcrde daher Finnian geh\u00f6ren. (Ebenso hat Angi Merkel\nbei der Konferenz #DigitizingEU ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr #Uploadfilter damit\nbegr\u00fcndet, dass <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Senficon\/status\/1097877168489672706\">analoge Regeln\nauch in der digitalen Welt gelten m\u00fcssen<\/a>. Und genau das ist damals wie\nheute falsch.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Colmcille soll den\nK\u00f6nig daraufhin verflucht haben (also auf Twitter gedisst) und in sein Kloster\nzur\u00fcckgest\u00fcrmt sein und bald darauf nahmen die Ereignisse eine blutige Wendung.\nDenn Colmcille gew\u00e4hrte einem geflohenen Gefangenen, der von K\u00f6nig Diarmaid gefangen\ngenommen worden war, Zuflucht. Der K\u00f6nig verletzte darauf das Heiligtum des\nKlosters von Colmcille, indem er die Geisel dort jagen und t\u00f6ten lie\u00df. Es\nfolgte eine Schlacht, in der der Legende nach dreitausend von Diarmaids\nM\u00e4nnern, aber lediglich einer von Colmcilles M\u00e4nnern get\u00f6tet wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch war\nColmcilles Sieg nur von kurzer Dauer. Er wurde von einer Synode von\nGlaubensgenossen exkommuniziert und dann ins Exil geschickt. So setzte\nColmcille im Jahre 563, zwei Jahre nach dem \u201eB\u00fccherkrieg\u201c, mit zw\u00f6lf Anh\u00e4ngern\ndie Segel zur Insel Iona. Er gr\u00fcndete dort ein neues Kloster und spielte eine\nwichtige Rolle bei der Verbreitung des Christentums bei den Pikten in\nSchottland. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Colmcilles\nVerst\u00e4ndnis, dass der Text der Vulgata nicht im \u00fcblichen Sinne ein Eigentum\nsein konnte, basierte nat\u00fcrlich auf ihrer Bedeutung f\u00fcr die christliche Lehre\nund nicht auf einem modernen Verst\u00e4ndnis von Informationen als Grundlage f\u00fcr\ndie \u00d6konomie, den wissenschaftlichen Fortschritt und vieles mehr. Doch seine\nUnterscheidung zwischen dem Besitz von physischen Besitzt\u00fcmern und der\nintrinsischen Replizierbarkeit von Informationen ist heute, eineinhalb\nJahrtausende sp\u00e4ter, noch wichtiger als damals. Sein letztes,\nleidenschaftliches Pl\u00e4doyer vor dem K\u00f6nig brachte die wesentliche Logik von\nOpen Information (und warum Artikel 13 und Uploadfilter scheisse sind) perfekt\nzum Ausdruck:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein\nFreund versucht, ein ausgedientes Gesetz auf eine neue Realit\u00e4t anzuwenden.\nB\u00fccher unterscheiden sich jedoch von anderen Gegenst\u00e4nden, und das Gesetz\nsollte dies anerkennen. Gelehrte M\u00e4nner wie wir, die durch B\u00fccher ein neues\nWissen erlangt haben, sind verpflichtet, dieses Wissen zu teilen, indem sie\ndiese B\u00fccher vervielf\u00e4ltigen und weiterverbreiten. Ich habe Finnians Buch nicht\naufgebraucht, indem ich es abgeschrieben habe. Er hat immer noch das Original\nund dieses Original ist nicht schlechter geworden, weil ich es kopiert habe. Es\nhat auch nicht an Wert verloren, weil ich eine Abschrift davon angefertigt\nhabe. Das Wissen in B\u00fcchern sollte jedem zug\u00e4nglich sein, der sie lesen will\nund die F\u00e4higkeiten dazu hat oder w\u00fcrdig ist, dies zu tun. Auch ist es falsch,\ndieses Wissen zu verbergen oder zu versuchen, die g\u00f6ttlichen Dinge, die B\u00fccher\nenthalten, zu l\u00f6schen. Es ist falsch zu versuchen, mich oder andere daran zu\nhindern, das Buch zu kopieren, es zu lesen oder mehrere Abschriften davon\nanzufertigen, um sie im ganzen Land zu verteilen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und noch mehr als\nB\u00fccher unterscheiden sich eben digitale Informationen (Meme, YouTube Videos,\nMusik, Twitter Posts &amp; Co.) von physischen Gegenst\u00e4nden bzw. Werken. Doch\nwir spielen weiter nach alten Regeln in einer neuen Welt. Es ist an der Zeit\ndies zu \u00e4ndern und neue Regeln f\u00fcr das Informationszeitalter aufzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Geschichte\nder Menschheit hat der Austausch von Informationen, also eine \u00d6ffnung von\nInformationen und die M\u00f6glichkeit sie zu Teilen stets zu einem immensen\nFortschritt der menschlichen Zivilisation gef\u00fchrt, auch wenn es manchmal\nverbunden war mit radikalen Umbr\u00fcchen und tempor\u00e4ren Unruhen. Meist war die\n\u00d6ffnung von Informationen durch eine neue Technologie beg\u00fcnstigt. So war es bei\nder Erfindung der Sprache, der Schrift, des Buchdrucks, bei der Erfindung des\nInternets und so wird es auch in Zukunft wieder sein. Ein Artikel 13 darf da\nkein Schritt r\u00fcckw\u00e4rts sein. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei dem bisherigen\nUrhebergesetz und auch der aktuellen Reform wird das Konzept der\nEigentumsrechte an physischen G\u00fcter n\u00e4mlich auf (digitale) Informationen\nangewendet. Die Rede ist dann vom sogenannten \u201egeistigen Eigentum\u201c. Doch im\nGegensatz zu physischen Dingen sind Informationen nicht rival und k\u00f6nnen\nbeliebig vervielf\u00e4ltigt werden. Rivale physische G\u00fcter k\u00f6nnen nur einmal\ngenutzt werden. Mit einem Fahrrad kann nur eine Person in die Stadt fahren und\nnicht gleichzeitig eine andere in den Wald. Ein Immaterialgut bzw. eine\nInformation, wie beispielsweise eine Meme, Software oder ein Musikst\u00fcck k\u00f6nnen\njedoch grunds\u00e4tzlich beliebig oft kopiert und gleichzeitig von\nunterschiedlichen Nutzern anders verwendet werden. Es bedarf daher f\u00fcr diese\nneue digitale Welt und die Informationsgesellschaft neue Spielregeln f\u00fcr den\nUmgang mit Informationen. Die alten Regeln f\u00f6rdern Monopolbildungen wie bei\nFacebook, Google und Co. Und stellen eine Gefahr f\u00fcr die Demokratie da. Statt\nInformationen mit Monopole f\u00f6rderndem Urheberrecht oder Patentschutz zu\nbelegen, sollten sie offen, also &#8220;open&#8221;, zur Verf\u00fcgung stehen, um sie\nm\u00f6glichst vielen Menschen frei zug\u00e4nglich zu machen, Nutzung, Wiederverwendung,\nTeilen und damit schlie\u00dflich Fortschritt, Kreativit\u00e4t und Innovationen zu\nf\u00f6rdern. Notwendig sei dazu ein entsprechendes System auf dessen Basis ein\nUrheber einer Information f\u00fcr eine Verwendung oder Wiederverwendung der\nInformationen eine entsprechende Verg\u00fctung erh\u00e4lt. Open Information und Open\nData Konzepte in Verbindung mit einem fortschrittlichen Verg\u00fctungsrecht &#8211; statt\nMonopolrechte, wie Patente oder aktuelle Urheberrechte &#8211; haben das Potential\ndie Welt im Informationszeitalter positiv zu ver\u00e4ndern, Monopolbildungen zu\nverhindern und die Weichen f\u00fcr eine digitale Demokratie statt einer digitalen\nDiktatur f\u00fcr Vielfalt, Kreativit\u00e4t und Innovation statt Angst vor legaler\nEinengung und Strafe richtig zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">M\u00f6ge die politische Macht mit uns sein und die Vernunft beim heutigen Copyright Streit siegen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mehr zum Thema findet sich im Buch <em>&#8220;The Open Revolution&#8221;<\/em> von Rufus Pollock bzw. in der deutschen \u00dcbersetzung von <a href=\"https:\/\/saschaberger.com\/about\/\">Sascha Berger<\/a>, mit dem Titel <em>&#8220;Die Open Revolution&#8221;<\/em>: <a href=\"https:\/\/saschaberger.com\/2018\/12\/20\/die-open-revolution\/\">https:\/\/saschaberger.com\/2018\/12\/20\/die-open-revolution\/<\/a> (Dort kann das deutsche Manuskript auch frei heruntergeladen werden!)<\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Copyright bzw. 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